Interview mit Prof. Dr. Christoph Schäfer, Professor für Alte Geschichte (Universität Hamburg), Projektleiter "Mit im Boot"

Herr Prof. Schäfer, das Projekt "Mit im Boot" leitet sich aus einer noch recht jungen Disziplin ab, der so genannten Experimentellen Archäologie. Was bedeutet dieser Begriff?

Schäfer: Bei der Experimentellen Archäologie geht es um ein besseres Verständnis der ausgegrabenen Befunde. Wenn man die im archäologischen Befund ermittelten technischen Errungenschaften nachbaut und auf ihre Funktion und Wirkung hin testet, kann man vielfach neue Erkenntnisse gewinnen, die die herkömmlichen historischen Quellen ergänzen.

Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, Ihre Arbeit sei einfach eine "Spielwiese für große Jungs"?

(lacht) Das ist schon deshalb nicht der Fall, weil ich selbst gar nicht zum Hobeln komme! Aber im Ernst: In unserem Team hat jeder sein Aufgabenfeld und selbstverständlich arbeiten wir eng mit Kollegen aus den einschlägigen Museen sowie mit Bootsbauern und Kollegen aus den Naturwissenschaften und der Schiffbaubranche zusammen. Inzwischen ist dieses über das Experiment ermittelte Wissen in der Forschung durchaus anerkannt und wird von den beteiligten Wissenschaftlern professionell betrieben. Für die Tests, die wir durchführen wollen, haben wir eigens ein hochmodernes System zur digitalen Datenerfassung angeschafft, so dass jeder gemessene Parameter jederzeit exakt nachvollzogen werden kann. Darüber hinaus haben wir in Kooperation mit Astrophysikern eine Software entwickelt, die uns eine lückenlose Dokumentation zum Verhalten des Schiffes unter Ruder und Segel ermöglicht.

Wie authentisch beziehungsweise repräsentativ sind Ergebnisse, die auf diesem Wege erzielt werden?

Es gibt gewisse Unschärfen etwa bezüglich der Linienführung des Schiffes oder im Hinblick auf die Dichte des Schiffsbauholzes. Aber diese halten sich in einem überschaubaren Rahmen. Außerdem können wir heute natürlich kaum ein Bauteam beziehungsweise eine Besatzung zusammenstellen, die exakt den durchtrainierten, handwerklich versierten römischen Soldaten entspricht. Erst recht können wir die eiserne Disziplin bei hohen körperlichen Belastungen nicht mehr simulieren, das würde bei einer modernen Mannschaft sofort zum Aufstand führen (lacht). Wir können folglich den damaligen Arbeitsaufwand heute nicht mehr messen, wohl aber lernen wir viel über die Bauweise und die technischen wie organisatorischen Zwänge antiker Schiffsbauer. Bei den Tests können wir festhalten: Die römischen Soldaten an Bord dieses Schiffstyps haben sicher mindestens die gleichen, wenn nicht sogar bessere Werte vorgelegt als wir sie heute mit weitaus weniger trainierten Besatzungen erreichen können. Hinzu kommt, dass die heutzutage höhere durchschnittliche Körpergröße einen Nachteil in der Hebelwirkung auf den Ruderbänken darstellt.

Wie haben Ihre Studenten reagiert, als Sie ihnen von diesem Projekt berichtet haben?

Mit Begeisterung! Gerade die Verbindung von Theorie und Praxis sowie das Erleben und Mitbauen an einem so ungewöhnlichen Projekt hat einen regelrechten Motivationsschub ausgelöst und schweißt alle Beteiligten in einer Weise zusammen, wie dies an einer Massenuniversität selten ist. Es sitzen halt alle "im gleichen Boot"!

Vor gut drei Jahren haben Sie schon einmal ein römisches Schiff nachgebaut, die "Regina" vom Typ navis lusoria – gibt es eine Verbindung zwischen diesem und dem aktuellen Projekt?

Die Initiative zu "Mit im Boot" ging vom Ausstellungsprojekt "Imperium Konflikt Mythos – 2000 Jahre Varusschlacht" aus. Dr. Rudolf Aßkamp vom LWL-Römermuseum Haltern am See und Prof. Dr. Günther Moosbauer von der Universität Osnabrück kamen 2003 während des Nachbaus der "Regina" in Regensburg auf mich zu und fragten, ob so eine Rekonstruktion auch für den 300 Jahre älteren Befund von Oberstimm bei Ingolstadt möglich sei und ob ich eine solche Aufgabe übernehmen wolle. Diese Anfrage war nicht nur fachlich, sondern auch durch die Aussicht auf eine enge und über die Grenzen des Faches hinausführende Kooperation eine so reizvolle Angelegenheit, dass ich nicht widerstehen konnte. Hinzu kommen Hamburg als idealer Standort für ein solches Projekt und weitere Forschungsvorhaben meinerseits auf dem Sektor der antiken Schiffahrt, in die sich das neue Vorhaben bestens einfügte.

Wie haben die in Regensburg gemachten Erfahrungen das jetzige Projekt beeinflusst?

Wir können Fehler vermeiden, die beim Bau der "Regina"gemacht wurden. Insgesamt sind wir jetzt deutlich professioneller aufgestellt. Gerade bei den modernen Testverfahren profitieren wir von den Entwicklungen und Kooperationen, die an der Universität Hamburg schon für die Forschungsfahrten mit der "Regina" vorangetrieben wurden.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Ihren Kooperationspartnern, der Werft Jugend in Arbeit e. V. und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe?

Die Zusammenarbeit ist wirklich vorbildlich! Alle Beteiligten denken mit und versuchen, das Projekt möglichst optimal zu gestalten. Kurze Kommunikationswege und schnelle, unproblematische Absprachen über Details machen die internen Abläufe außerordentlich effektiv. Besonderen Anteil daran hat Lt. z. See Gerrit Wagener, der als Teamleiter vor Ort in der Werft nicht nur die Arbeiten am Schiff, sondern auch den Informationsfluss koordiniert.

Sie planen für das Jahr 2008 umfangreiche Testfahrten mit dem Schiff – was für Erkenntnisse kann es Ihnen liefern? Gibt es spezielle Fragestellungen, denen Sie nachgehen wollen?

Wir haben hinsichtlich der Bautechnik bereits etliche Erkenntnisse gewonnen. Im Hinblick auf die Leistungsdaten sind wir sehr gespannt, wie sich das Schiff unter Ruder und Segel verhält. Dabei interessieren uns nicht nur die Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs und die ungefähre Geschwindigkeit bei Marschfahrt, sondern auch die Wendigkeit und vor allem die Segeleigenschaften, also etwa die Frage, wie hoch man mit diesem Schiff an den Wind gehen konnte. Nicht zuletzt erwarten wir uns vom Vergleich der Leistungsdaten mit denen der spätantiken navis lusoria Aufschluss über den technischen Fortschritt in der Antike.

Ebenfalls 2008 ist auch eine Art "Tournee" im Zusammenhang mit der Ausstellung "Imperium Konflikt Mythos – 2000 Jahre Varusschlacht" geplant: Sie wollen mit dem Schiff unter anderem über Rhein und Donau fahren und bei zahlreichen Städten vor Anker gehen. Was erwartet Ihre Besatzung, aber auch die Menschen vor Ort?

Die Besatzung wird das Schiff in den Städten präsentieren, diverse Manöver fahren und für Fragen und Erklärungen bereit stehen. Darüber hinaus sollen möglichst viele Menschen vor Ort auch selbst die Möglichkeit erhalten, das Schiff zu rudern und so ein Stück römisches Leben nachzuvollziehen. Am Ufer wird gegebenenfalls die "Römercohorte Opladen" römisches Leben auf germanischem Boden wieder lebendig werden lassen.

Was erhoffen Sie sich ganz persönlich von "Mit im Boot"?

Eine Fülle neuer Erkenntnisse zur Nutzung von Schiffen und Wasserstraßen im frühkaiserzeitlichen Imperium Romanum. Aufschluss über die technischen Details und den Fortschritt im Hinblick auf die Daten der Spätantike. Und schließlich eine Steigerung des öffentlichen Interesses an dem herausragenden Ausstellungsprojekt "Imperium Konflikt Mythos – 2000 Jahre Varusschlacht" sowie an antiken Themen überhaupt. Im universitären Wettbewerb um interessante Projekte soll dieses Unterfangen nicht zuletzt einen Beitrag leisten, um die Universität Hamburg nach vorne zu bringen.

 

Das Interview führte Katrin Schmidt