Interview mit Dr. Rudolf Aßkamp, Leiter des LWL-Römermuseums in Haltern am See und Initiator von „Mit im Boot"
Herr Dr. Aßkamp, welche Bedeutung hatte die Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. Ihrer Ansicht nach für die deutsche und europäische Geschichte?
Aßkamp: Das sind eigentlich zwei ganz verschiedene Fragestellungen. Für Deutschland offenbarten sich die Auswirkungen der Varusschlacht eigentlich erst in der neuzeitlichen Rezeption des Ereignisses. Europaweit waren die Folgen jedoch bereits in der Antike unmittelbar zu spüren: Die Expansion des römischen Reichs geriet ins Stocken. Zwar führten Kaiser Tiberius und sein Sohn Germanicus in den Jahren 14 bis 16 n. Chr. noch blutige Rachefeldzüge gegen die Germanen, doch dann kam es zu einem abrupten politischen Wandel. Tiberius war wohl zu der Erkenntnis gelangt, dass in Germanien für Rom nicht viel zu holen war – die Gesellschaftsstrukturen unterschieden sich zu grundlegend voneinander. Während die Römer eine zentralisierte Organisation in Städten gewöhnt waren, trafen sie in Germanien auf verstreut lebende Stammesgesellschaften. Damit kamen sie nicht zurecht. In der Folge des verheerenden Ausgangs der Varusschlacht blieben die Römer westlich des Rheins und überschritten diese Grenze nicht mehr.
Was bedeutete das für Germanien?
Man kann diese Entwicklung aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachten: Auf der einen Seite ermöglichte der Rückzug der Römer den Germanen eine eigenständige kulturelle Entwicklung jenseits römischer Vorgaben. Auf der anderen Seite hatten die germanischen Stämme aber auch keinen Anteil an den Errungenschaften der römischen Hochkultur und durchlebten stattdessen bis hin zu Karl dem Großen die so genannten "sieben dunklen Jahrhunderte". Es ist schwer zu sagen, was heute alles anders wäre, wenn Germanien tatsächlich römische Provinz geworden wäre.
Im Jahr 2009 ist das Römermuseum in Haltern am See in zentraler Rolle an dem Ausstellungsprojekt "Imperium Konflikt Mythos – 2000 Jahre Varusschlacht" beteiligt. Sie stehen für das Imperium – was verstehen Sie unter diesem Begriff?
Das heutige Haltern war in den ersten Jahren nach Christi Geburt ein wichtiger Außenposten des römischen Reichs. Von hier zogen die Legionen des Varus aus, bevor sie im Teutoburger Wald vernichtend geschlagen wurden. Wir beleuchten in unserer Ausstellung, was das römische Reich auf germanischem Boden ausmachte. Quasi als roten Faden verfolgen wir dabei den Lebensweg des Varus und seiner Familie. Exponate zu finden, die diesem Anspruch gerecht werden, war keine leichte Aufgabe, aber wir konnten beeindruckende Kunstwerke zusammenstellen, worauf wir sehr stolz sind. Die Ausstellung wird hoffentlich für alle ein Erlebnis sein.
Was erwartet die Besucher Ihres Museums?
Lauter tolle Highlights natürlich! (lacht) Das stimmt wirklich und ist nicht nur dahingesagt. Wir werden ganz unterschiedliche Ausstellungsstücke zeigen, von Wandmalereien über Skulpturen, Bronzen und kleine Pretiosen. Die Stücke stammen unter anderem aus dem Vatikan, dem Louvre, dem British Museum in London, aus Rom und Israel. Um derart wertvolle Exponate bei uns ausstellen zu dürfen, mussten wir zum Teil viel Überzeugungsarbeit leisten. Aber wir haben uns mit früheren Ausstellungsprojekten einen Namen gemacht – das hat uns die Arbeit sehr erleichtert. Die Besucher können wahlweise einem angelegten Rundgang folgen, oder aber selbständig in der Ausstellung auf Entdeckungsreise gehen.
Im Januar 2007 haben Sie die Werft von Jugend in Arbeit e. V. anlässlich der Kiellegung des Schiffnachbaus besucht und sich seitdem mehrfach vor Ort von den Fortschritten des Baus überzeugen können. Wie war Ihr Eindruck von den Arbeiten?
Ich habe mich immer gefreut, wie gut es auf der Werft vorangeht und was für eine gute Stimmung dort herrscht! Wir liegen genau im Zeitplan, und das ist neben dem großen Engagement der beteiligten Studenten, Auszubildenden und Bootsbauer vor allem auch dem Teamleiter Gerrit Wagener zu verdanken. Er hat sich in der ganzen Zeit sehr für das Projekt eingesetzt.
Als Museumsleiter sind Sie es gewohnt, Erkenntnisse über eine bestimmte Zeit aus archäologischen Fundstücken zu rekonstruieren. Was halten Sie von dem Versuch, mittels eines heutigen Nachbaus historisch relevante Daten zu erlangen?
Das ist absolut legitim. Man muss aber einen Unterschied zwischen dem Bau des Schiffes und den später mit ihm durchzuführenden Experimenten machen. Der Nachbau an sich wird zum Teil mit modernem Gerät bewerkstelligt, um die Arbeit ein wenig zu erleichtern und auch zu beschleunigen. Die Baumaterialien sind hingegen so ausgewählt, dass sie so authentisch wie möglich sind, also den archäologischen Funden so weit wie möglich entsprechen. Bei den anschließend geplanten Testfahrten geht es um die Ermittlung von Werten wie der erreichbaren Höchstgeschwindigkeit oder der Manövrierbarkeit des Schiffes. Das ist experimentell verlässlich zu ermitteln, und der Projektleiter Christoph Schäfer verfügt in diesem Bereich über umfangreiche Erfahrungen.
Das Schiff soll 2008 in zahlreichen deutschen Städten vor Anker gehen und für die Ausstellung "Imperium Konflikt Mythos – 2000 Jahre Varusschlacht" werben. Im Anschluss an das Ausstellungsprojekt soll es dann in Haltern am See bleiben. Was wird dort mit ihm geschehen?
Das kann ich im Detail noch nicht sagen – fest steht aber in der Tat, dass das Schiff ab 2010 dauerhaft in Haltern sein wird. Wir würden gerne weiterhin auf der Lippe mit ihm fahren, denkbar wären zum Beispiel jährlich wiederkehrende Veranstaltungen, bei denen das Schiff eine besondere Rolle spielen könnte. Es gibt in Haltern auch einen Stausee, der sich sicherlich ebenfalls für Aktivitäten mit beziehungsweise rund um das Boot eignen würde. Auf jeden Fall ist es viel zu schade, um es einfach auf die grüne Wiese zu stellen!
Das Interview führte Katrin Schmidt
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