Ein römisches Kriegsschiff auf deutschen Flüssen

Zum historischen Hintergrund: Im Jahr 2009 jährt sich ein bedeutendes Ereignis der deutschen und gesamteuropäischen Geschichte zum zweitausendsten Mal: die Varusschlacht, auch bekannt als „Schlacht im Teutoburger Wald“.
Publius Quinctilius Varus sollte im Auftrag des Kaisers Augustus das rechtsrheinische Gebiet in den Status einer römischen Provinz Germanien überführen. Auf dem Marsch vom Sommerlager an der Weser ins Winterquartier fielen Varus und seine drei Legionen einem Hinterhalt der Germanen zum Opfer und wurden vernichtend geschlagen.
Zwei Millennien nach der Varusschlacht haben sich die drei Orte, welche mit dieser Begebenheit in besonderem Maße in Verbindung stehen, zusammengeschlossen, um das welthistorische Ereignis ins Zentrum des bundesweiten und europäischen Bewusstseins zu rücken. Haltern am See, Kalkriese und Detmold beleuchten in ihren unter dem Titel „Imperium Konflikt Mythos – 2000 Jahre Varusschlacht“ zusammengefassten Einzelausstellungen je einen Teil der legendären Schlacht im Teutoburger Wald.
Zur Rekonstruktion eines römischen Flusskriegschiffes: In Anbetracht der in Haltern archäologisch nachgewiesenen Schiffshäuser aus der Zeit des Kaisers Augustus sowie angesichts des Fehlens von Erkenntnissen bezüglich der Tragkraft einer römischen Flussflotte im chronologischen und geographischen Umfeld der Varusschlacht, wird derzeit in einer Kooperation zwischen dem LWL - Römermuseum Haltern am See, dem Seminar für Alte Geschichte der Universität Hamburg und der Werft Jugend in Arbeit e.V. in Hamburg Harburg ein antikes Kriegsschiff auf Grundlage archäologischer Befunde rekonstruiert. Zwei Bootsbauer, siebzehn Studenten und drei Bootsbaulehrlinge arbeiten zur Zeit an dem ca. 4 t schweren, 16m langen und 3m breiten Nachbau in Originalgröße. Dieser wird von 20 Ruderern, einem Steuermann und einem Schiffsführer bewegt und besitzt einen geschätzten Tiefgang von 50 cm.
Als Vorlage dienen zwei 1986 bei Ingolstadt in Bayern gefundene und acht Jahre später geborgene römische Schiffswracks, deren gut erhaltener Zustand eine dendrochronologische Untersuchung und somit eine zeitliche Einordnung in das Ende des 1. bzw. in den Anfang des 2.Jh. n. Chr. zuließ (90+/-10 n.Chr. u. 102+/-10n.Chr.). Die Wracks waren auf einer Länge von 15m erhalten geblieben und wiesen eine ursprüngliche Breite von 3m bzw. 2,80m auf.
Da die Schiffe im versandeten Flusslauf eines früheren Donauseitenarmes unweit des römischen Auxiliarkastells bei Oberstimm gefunden wurden, kann auf ihre Nutzung im militärischen Bereich geschlossen werden. Das Längen-Breiten-Verhältnis klassischer Kriegsschiffe von rund 6:1 unterstützt diese Vermutung.
Die Schiffsfunde liefern wichtige Erkenntnisse für den römischen Schiffsbau im 1. Jahrhundert. Sie weisen einen starken mediterranen Charakter auf, der sich in der „Schalenbauweise“ zeigt. Hierbei wurde zuerst der Rumpf mit Kiel und Planken gebaut und der Innenausbau erst später ergänzt. Zudem sind weitere Merkmale der damals üblichen Bautechniken aus dem Mittelmeerraum vorhanden. Hierzu zählen die Nut- und Feder-Bauweise, Holznägel, der Ruderantrieb, ein gebogener Kiel sowie auch ein stilisierter Rammsporn. Das Baumaterial der Schiffwracks, nämlich Kiefer und Eiche, stimmt ebenfalls mit mediterranen Baugewohnheiten überein. Unabhängig davon verfügten die Schiffe über einen Mast, der das Fahren unter Segel ermöglichte.
Zur Nutzung des Nachbaus: Der bislang historisch völlig unerforschte Schiffstyp der frühen Kaiserzeit soll wissenschaftliche Erkenntnisse erbringen und auf seine Konstruktion und Fahrleistung hin untersucht werden. Dabei geht es nicht nur um die Geschwindigkeit unter Ruder, sondern auch um die Segeleigenschaften und die Manövrierbarkeit, die mittels einer ursprünglich für den Americas Cup entwickelten Messeinheit dokumentiert werden wird. Die Datenanalyse soll ein exaktes Bild von der Leistungsfähigkeit dieses Typus von Militärschiff liefern, welcher angesichts der verzweigten Flusssysteme im alten Germanien von so entscheidender Bedeutung war.
Der Nachbau soll später nicht im Museum einstauben, sondern nach den Testfahrten und der Schiffstaufe in Hamburg im Sommer 2008 auf Tournee gehen und auf diversen Binnengewässern Deutschlands wie auch des benachbarten Auslands gastieren, um über die Austellungskooperation „Imperium Konflikt Mythos – 2000 Jahre Varusschlacht“ zu informieren. Live-Berichte, Filmprojekte und Dokumentationen werden die Öffentlichkeit über den Bau und die Tournee des Römerschiffes auf dem Laufenden halten. Dabei wird das Publikum an den verschiedenen Gastorten nicht nur einen Blick auf das Hightech-Produkt römischer Militärtechnik werfen können, sondern auch mitrudern und römisches Leben hautnah erfahren dürfen.
Im Jahr 2009 wird das Schiff den Kooperationspartnern an allen drei Ausstellungsorten zur Verfügung stehen.