April-Mai 2008 Testfahrten auf dem Ratzeburger See

Die Überführung des Schiffes nach Ratzeburg war eine besondere logistische Herausforderung: Das 16 Meter lange, fast drei Meter breite und vier Tonnen schwere Boot wurde zunächst in ein Stahlgerüst manövriert, um dann von einem Kran langsam aus dem Wasser gehoben und mitsamt dem Gerüst auf einen Tieflader verladen zu werden (das Stahlgerüst stellte die Firma Rheiner Stahlbau GmbH dem Team von „Mit im Boot" zur Verfügung). Mit dem Tieflader ging dann die Fahrt nach Ratzeburg, dort wurde der Vorgang in umgekehrter Reihenfolge wiederholt, um das Schiff wieder zu Wasser zu lassen.

Die Testfahrten auf dem Ratzeburger See standen unter dem Kommando des Projektleiters und erfahrenen Seglers Christoph Schäfer. „Jetzt ist die Zeit des Wartens vorbei. Wir können endlich loslegen!", freute der sich bei der Ankunft am See.

Das gereffte Segel der „Victoria"

Besonderes Augenmerk legte das Team vor Ort auf die Segeleigenschaften der „Victoria". In der Wissenschaft zuvor lediglich als Ruderschiff mit einem Hilfssegel angesehen, war nicht bekannt, wie leistungs- und manövrierfähig dieser Schiffstypus wirklich ist. Mit dem fertig gestellten Nachbau konnte nun getestet werden, über welche Fahreigenschaften das Schiff tatsächlich verfügt und welche Geschwindigkeiten es erreichen kann. Das überraschende Ergebnis: Das Segel ist so gut, dass selbst bei fast seitlichem Wind noch immer ein Vortrieb erzielt wird. Diese Eigenschaft kam dem Schiff und seiner Besatzung auf den um Christi Geburt stärker mäandrischen Flussverläufen sicherlich sehr entgegen, da das Segel so häufiger einsetzbar war als bisher vermutet. Insgesamt erwies sich das Schiff als deutlich schneller als zuvor von Historikern angenommen.

„Wir hatten durchaus den einen oder anderen Zuschauer und Fotografen", erinnert sich der Physiker Alexander Wawrzyn an die Zeit auf dem Ratzeburger See. „Die meisten standen für ein paar Minuten am Ufer und haben uns zugesehen. Ein paar haben wir als Gastruderer eingeladen". Wie schon die Bauzeit waren auch die Wochen der Testfahrten von der guten Stimmung im Team geprägt. „Wir hatten viel Spaß", sagt Wawrzyn, der zusammen mit einem Kollegen für die Auswertung der Messergebnisse verantwortlich war, mit einem Lachen.
Auf der Grundlage der Testfahrten konnte das Team ein so genanntes Polardiagramm erstellen, eine Übersicht darüber, bei welchen Windstärken und unter welchen Einfallswinkeln das Schiff welche Geschwindigkeit erreichen kann. „So etwas gab es bisher nur für moderne Segelyachten", erläutert Wawrzyn begeistert, „einzige Ausnahme war ansonsten nur die „Lusoria", bei der wir schon eine ähnliche Auswertung vorgenommen hatten".
Unter Segel konnte die „Victoria" bis zu sechs Knoten (gut 11km/h) Geschwindigkeit aufnehmen und war damit sogar ein wenig schneller als mit der Maximalbesatzung von 20 Ruderern. „Aus den ermittelten Geschwindigkeiten können wir schließen, welche Strecken solche Schiffe vor 2000 Jahren pro Tag zurücklegen konnten", erklärt Christoph Schäfer.
Auch die Beschleunigung des Schiffs ist beachtlich: In nur zehn bis 20 Sekunden konnte es unter Segel eine Geschwindigkeit von 3 Knoten (etwa 5,5 km/h) aufnehmen. Außerdem erwies es sich als sehr wendig: In nur 30 Sekunden lässt es sich um 180 Grad drehen. Die ausführlichen Ergebnisse der Testfahrten liegen als Buch vor.

Datum:
14. April 2008